Legalisierte Ausbeutung

Praktikum – muss man machen! Aber wann wird eigentlich ein Praktikum zur Ausbeutung? Dies alles sind Fragen die oft in meinem Bekanntenkreis diskutiert werden.

Noch vor kurzem traf ich mich Abends mit einem Kollegen auf ein Bier, dann kamen noch zwei dazu und einer von beiden (29 Jahre alt) machte gerade sein x.-tes Praktikum bei einer Agentur in Berlin. Eigentlich alles toll, aber die Bezahlung – naja. Die Frage ob er sich mit 29 Jahren, einem abgeschlossenen Studium und Agenturerfahrung nicht ausbeuten lassen würde, kam dann auch relativ schnell.

Ich erinnere mich ungern an meine ersten zwei Jahre in Berlin – schlecht bezahlte Jobs, denn Geld gab es nach 2000 sowieso keins. Überall wurden Praktikanten mit vier Jahren Berufserfahrung und am besten mit Kenntnissen im Bereich Projektmanagement, Entwicklung und Design gesucht. Natürlich sollte der Kandidat auch mindestens sechs Monate (!!!) Zeit mitbringen. Wovon in dieser Zeit Miete und Leben bezahlt werden – das stand in keiner Stellenanzeige Praktikumsausschreibung.

Irgendwie befinden wir uns alle irgendwann in so einer Situation. Besonders in der Medienbranche sind viele Praktika “usus”. D.h., besonders viele unbezahlte Praktika. Berlin nimmt in diesem Bereich wohl noch eine Sonderrolle ein, denn nie habe ich es so dreist erlebt, dass Leute Praktikanten als billige Arbeitskräfte mißbrauchen wie hier. Den Satz, “Praktikant, das heisst doch umsonst”, habe ich in meinen fast acht Jahren Berlin von verschiedenen Leuten mehrmals gehört. Dass es den sogenannten Chefs nicht peinlich ist, dass sie da jemanden sechs Monate lang mit 50-60 Stunden pro Woche ausboten, für umsonst, während sie seine Arbeitskraft auch ganz gerne für Tagessätze von 500-800 EUR verkaufen – das ist mir allerdings schleierhaft.

Aber von Moral keine Spur.

Eben flatterte mir folgende Praktikumsausschreibung per E-Mail zu:

Guten Tag,

das XXX möchte seinen Intranetauftritt neu gestalten. Dafür suchen wir eine(n) versierte(n) Studierende(n) (Kommunikation oder Interface). Das könnte im Rahmen eines bezahlten Praktikums oder Werkvertrages geschehen, müsste aber aufgrund der Geheimhaltung auf jeden Fall bei uns im Hause passieren.

Der aktuelle Intranetauftritt basiert auf PHP und statischem HTML. Für die neuen Seiten kann zusätzlich Java und Flash benutzt werden.

Wir wünschen uns idealerweise eine interaktive Kommunikationsplattform, die auch als interenes Forum genutzt werden kann.

Unterstützung von IT-Seite ist vorhanden, betreuende Grafik- oder Interface Designer gibt es hier nicht. Dehalb muss die- oder derjenige relativ selbständig arbeiten können.

Wir möchten das Projekt gerne Anfang Juni starten.

Bewerbungen bitte an an die Personalabteilung: YYY

Liebes XXX – ihr sucht also jemand der konzeptionell für Euch arbeitet und gleichzeitig auch die Umsetzung in Flash, Java/PHP und so weiter macht? Keine einfache Website, sondern eine Kommunikationsplattform!
Kurz überschlagen sind das mindestens vier Leute die Ihr sucht, nicht einen. Denkt eigentlich jemand von Euch nach, wenn er solche Stellenanzeigen rausgibt. Und wieso läßt sich die ZZZ für solche Ausbeuter instrumentalisieren?

Ich würde allen gern zwei Hinweise mit auf den Weg geben:

  1. Arbeit sollte bezahlt werden.
  2. Arbeit sollte angemessen bezahlt werden.

Es gibt viele junge Agenturen die so einen Auftrag gerne für Euch übernehmen würden. Viel kosten wird es Euch trotzdem nichts, immerhin sind wir in Berlin und nicht in München.

UPDATE: 22.05.2008 – Auf Grund eines Briefes, musste ich für’s erste die Namen aller beteiligten aus diesem Eintrag entfernen.

1 Comment so far

  1. Eero (ezrock) on April 28th, 2008 @ 1:22 pm

    :X
    Oh this is what I have been thinking of a lot over here. The endless unpaid jobs in real companies – that doesn’t make any sense for me. Same stuff goes on in EU parliament and in the whole political field where people have to survive many years with either ridiculously low or zip-nada -kind of salaries… Not good – or fair.



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